top of page

Gegen die verordnete Realität

oder: was meine Kunst zur Provokation macht.


Zinnober 2025
Zinnober 2025

Ich beobachte nur zwei Arten von Reaktionen auf meine Kunst:


So gibt es diejenigen, die, wie ein tiefer schwarzer See vor mir, als hätte ich einen schimmernden Kiesel hineingeworfen, angestoßen, in zarten aber bis zum Grund reichenden Wellenlinien, die sich kreisförmig ausbreiten, zu klingen beginnen.


Und jene, die sich angewidert, ja, wie geschlagen, abwenden. Ein Affront! Eine Provokation! Oder gar: ein persönlicher Angriff! Doch das ist weder meine Intention noch Teil meines Schaffens – oder überhaupt von Interesse für mich. Nicht mein Sujet!


Was mich aber – sogar ganz brennend – interessiert, ist, was in dieser emotionalen Aufruhr verborgen liegt.


Also wage ich einen Analyseversuch.



Unsere Realität ist Demontage


Meine Kunst ist eine intime Bewegung hin zur Wahrhaftigkeit. Ein unermüdliches Suchen nach Eigentlichkeit. Ein radikales Öffnen, das keine Sicherheiten behauptet, sondern Schichten löst, bis nur noch das rohe Sein bleibt. Ich entblöße, lege frei, mache nackt – nicht, um zu verletzen, zu bewerten oder zu verurteilen, sondern um meinem Innersten auf die Schliche zu kommen. Um zu sein. Um zu lieben. Essenzieller Teil dieser Entbergung ist das radikale Anerkennen dessen, was da ist.


Doch die Welt, in der wir leben, funktioniert entgegengesetzt. Sie ist ein Geflecht aus Masken und Simulationen. Ein Raster, das ganz genau vorgibt, was gesehen, gedacht, gefühlt und gelebt, gekauft werden darf/soll. Eine Bühne, auf der Authentizität zur Pose degradiert wird. Diese Welt baut auf einem uralten Mythos: der Schuldhaftigkeit (vor allem der Schuldigkeit der Frau, der „Sünderin“, der Eva). Ein Narrativ, das bis heute nachwirkt, tief eingeschrieben in unsere Körper, unsere Systeme, unsere Sprachen.


Die Erzähler dieses Narrativs sind peinlich schnell benannt, weil bekannt und doch ungestürzt: das Christentum, das die Erbsünde predigte; das Patriarchat, das den weiblichen, zyklischen, weichen Anteil des Menschseins aus der Geschichte radierte; der Kapitalismus, der alles Lebendige und Unlebendige gleichermaßen zur Ressource erklärte; der Nationalismus, der Zugehörigkeit nur durch Ausschluss zu denken vermag. In ihrer extremsten Zuspitzung begegnen sie uns als Faschismus, in Gräueltaten gegen die Menschlichkeit – der ideologischen Entfremdung, die das Sein und Zu-Sein-Haben selbst zur Waffe macht.



Gegen diese Realität


Ich weigere mich, diese Realität als gegeben anzunehmen.


In meinen Arbeiten setze ich ihre Regeln aus.


Ich stelle die Frage nach einer anderen, ganzheitlichen, eigentlichen Identität. Nach einer Wirklichkeit, die sich auflehnt, indem sie zutage fördert, was im Schatten liegt. Alles Verdrängte, alles als selbstverständlich Abgehakte, alles, was im Lärm der Systeme verschluckt wird.


Meine künstlerische Praxis ist ein Raum des Entbergens. 


Sie offenbart Absurditäten, Schmerz, Hässlichkeiten, eiternde Wunden, Innereien, Menstruation, Wut, Scham, Trauer – aber bleibt dort nicht stehen!


Provokation?


Meine Arbeit wird von einigen als Affront, als Provokation oder gar als persönlicher Angriff gelesen. 


Doch das sie es nicht. Nicht per se.


Mein Interesse liegt darin, 

  • Wahrhaftigkeit zu erforschen – ohne Absolutheitsanspruch; 

  • radikal offen zu legen – ohne Gewalt; 

  • Schatten zu beleuchten – ohne zu entblößen.


Es ist kein lineares Arbeiten. Es gleicht eher einem zyklischen Hingeben – einem unausweichlichen Gezogenwerden. Ein Prozess des Entdeckens, Entbergens, Zulassens. Ein uneingeschränktes, schonungslos zugleich bedingungslos liebendes Hinsehen.


Scheitern gehört dazu. Immer wieder beginne ich von vorn. Öffne Schicht um Schicht, bis etwas bloßliegt, was ich nicht mehr kontrollieren kann.


Sanft.


In allem, was ich erschaffe, liegt eine tiefe Weichheit, eine Sanftheit. Ich bin in meinen Schaffensprozess hineingelehnt. 


Provokation!


Das Konfrontative, welches manche wahrnehmen, entsteht nicht aus einer angelegten Aggression, sondern aus der Radikalität des Sichtbarmachens. Es ist nicht meine Stimme, die angreift (sie spricht anders), sondern die verdrängte Wahrheit, die ungeschönt ins Licht tritt.


Meine Arbeit ist Provokation innerhalb der Doktrin des Nützlichen, Eindeutigen, Eindimensionalen, Verdrängten. Nicht Provokation selbst – erst ihre Kontextualisierung lässt sie aggressiv erscheinen.



Meine Kunst ist kein Akt der Aggression.

Sie ist Widerstand des Menschlichen.


In einer Zeit, in der die großen Erzählungen von Fortschritt, Wachstum und Vernunft tiefe Risse zeigen und sich gleichzeitig neue Mythen ausbreiten, die mit aller Macht versuchen, das Ausgediente zu erhalten: Verschwörungstheorien, Nationalismen, Männlichkeitsnarrative, Heilsversprechen von Technologie; sind die Eiterbeulen kurz vorm Platzen.


Momente/Orte/Worte und Kunst, welche in diesen Zeiten ein kurzes Flackern von Wahrhaftigkeit aufmachen/sich unbeeindruckt entblößen, sind unausweichlich Provokation für Menschen, die mit aller Macht versuchen, Ihre Schatten im Dunkel zu halten.


Denn was systematisch in den Schatten gedrängt wird ist damit nicht einfach weg. Im Gegenteil, es brodelt unter der Oberfläche. Es bricht sich mit aller Gewalt Bahn, sobald der Peak des Aushaltbaren erreicht ist, wenn das Fass überläuft, wenn ich unvermittelt etwas sehe, ich mit etwas in Berührung komme, das mich direkt an meinem Schatten fasst. 


Was uns begegnet, wenn wir in den Spiegel der Kunst blicken, ist oft nicht die Künstlerin vor uns, sondern das, was wir selbst lange im Schatten gehalten haben: Wahrheiten, die wir systemisch befördert verdrängt haben; Sehnsüchte, die wir uns aus falschen Moralen verbieten; Schmerzen, die wir nicht fühlen wollen oder dürfen; Träume, die wir nicht leben wollen und sollen; patriarchal und kapitalistisch gewollte Selbsterniedrigung, die wir als Optimierungswahn und/oder Überanpassung tarnen. Diese plötzliche Klarheit kann schmerzen, sie blendet, sie kann wie ein Angriff wirken – und doch ist sie in ihrem Kern eine Einladung. 


Eine Einladung, hinzusehen, zu fühlen und das Unsagbare in sich selbst zuzulassen. Zuerst an mich selbst. Dann an jene, die sie entgegennehmen wollen.


Das könnte eine Erklärung sein. Oder auch nicht. Und am Ende meiner kleinen Analyse bemerke ich, dass es mich gar nicht (mehr so sehr) interessiert, was da so provozierend sein soll in meiner Kunst; und ich mich wieder voll und ganz meinem sanft-radikalen Entbergen widmen kann.


 
 
 

Kommentare


bottom of page