Wenn Kunst verstummt: Die Gefahr einer verarmten Gesellschaft
- Jessika Dirks
- 18. März 2025
- 3 Min. Lesezeit

Kunst ist weit mehr als ein schöner Zeitvertreib oder eine dekorative Beigabe zum Leben. Sie ist eine Notwendigkeit, ein Spiegel gesellschaftlicher Prozesse, eine Stimme für das Unsagbare und ein Raum für Reflexion, Kritik und Utopie. Doch was passiert, wenn Kunst und Kultur zunehmend ausgehöhlt, marginalisiert, politisch vernachlässigt oder eingeschränkt werden? Wenn finanzielle Kürzungen (wie aktuell massiv vorangetrieben, insbesondere durch die Regierungsbeteiligungen auf Länder- und Bundesebene durch die Parteien AFD, CDU/CSU und FDP), fehlende Förderung und eine zunehmende Ökonomisierung des Kunstbetriebs dafür sorgen, dass künstlerische Teilhabe zum Privileg wird?
Kunst als Seismograf gesellschaftlicher Prozesse
Kunst ist nicht nur Ausdruck individueller Kreativität, sondern auch ein gesellschaftliches Gedächtnis. Sie verarbeitet kollektive Traumata, stellt Missstände bloß und eröffnet neue Perspektiven auf die Welt. Künstler*innen greifen Strömungen auf, bevor sie in der breiten Gesellschaft sichtbar werden. Feministische Kunst, postkoloniale Perspektiven oder die Auseinandersetzung mit Identität und Körperlichkeit wären ohne eine lebendige Kunstszene undenkbar.
Wird Kunst jedoch politisch ausgehöhlt, verliert eine Gesellschaft ihre feinfühligen Sensoren.
Wenn kritische Stimmen in prekären Verhältnissen arbeiten oder verstummen, wenn unabhängige Räume verschwinden, weil die Mieten unbezahlbar werden, wenn Museen und Theater sich nur noch durch private Sponsoren über Wasser halten können und sich mit ihrem Programm eben jenen anbiedern müssen, dann schrumpft der Raum für Diskurs und Reflexion. Die Vielstimmigkeit verstummt.
Soziale Ungleichheit wird verstärkt
Kunst und Kultur müssen für alle zugänglich sein, nicht nur für diejenigen, die es sich leisten können. Wenn Eintrittspreise steigen, Fördermittel gekürzt und Kulturinstitutionen privatisiert werden; Projekte der Teilhabe, Migration eingestampft werden, dann wird der Zugang zu Kunst zum Luxusgut. Wer keine finanzielle oder soziale Grundlage hat, um Kunst zu erleben, bleibt ausgeschlossen – und mit ihm ganze Erfahrungswelten, die inspirieren, verbinden und empowern könnten.
Die Grundlage für eine gesellschaftliche, dringend notwendige Erneuerung wird geraubt.
Das hat nicht nur Auswirkungen auf das Individuum, sondern auch auf die gesamte Gesellschaft. Denn Kultur stärkt Zusammenhalt, schafft Verständigung sowie Begegnung – mit sich selbst und anderen – und ermöglicht es, über die eigene Lebensrealität hinauszublicken. Wenn nur noch eine bestimmte privilegierte Schicht Zugang zu kultureller Bildung hat, verfestigen sich soziale Ungleichheiten weiter.
Ökonomisierung der Kunst: Wenn Kreativität sich rechnen muss
Ein weiteres Problem ist die zunehmende Ökonomisierung der Kunstwelt. Immer öfter wird der Wert von Kunst nicht an ihrem gesellschaftlichen oder emotionalen Einfluss gemessen, sondern an Verkaufszahlen und Marktwerten. Das führt zu einer gefährlichen Dynamik: Kunst, die sich nicht »rechnet«, verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung. Experimente, kritische Arbeiten oder Nischenthemen haben es schwer, wenn kommerzielle Verwertbarkeit das Hauptkriterium ist.
Besonders betroffen sind Künstler*innen, die sich mit unbequemen Themen auseinandersetzen: feministische Positionen, queere Kunst, Arbeiten über Körper und Identität. Sie stehen ohnehin oft unter dem Druck, ihre Arbeit ständig rechtfertigen zu müssen – wenn dann auch noch finanzielle und strukturelle Hürden hinzukommen, wird das künstlerische Überleben zu einem für viele unüberwindbaren Kraftakt. Die Folge: eine ganze Bewegung, eine notwendige progressive Perspektive stirbt aus.
Was passiert, wenn Kunst verschwindet?
Wenn Kunst und Kultur systematisch ausgehöhlt werden, entsteht eine geistige und emotionale Verarmung. Gesellschaften, die Kunst marginalisieren, nehmen sich selbst die Möglichkeit zur Veränderung. Sie werden starrer, intoleranter, weniger empathisch. Sie verrohen und beginnen im Inneren zu faulen. Autokratisches Gedankengut und patriotische Dogmen sind gleichermaßen Grund und Symptom dieser Entwicklung.
Kunst ist nie nur Unterhaltung – sie ist ein Werkzeug für emotionale, soziale, intellektuelle, gesellschaftliche Bildung, Empathie und kritisches Denken. Sie inspiriert, ermutigt zum Perspektivwechsel und schafft Räume für Auseinandersetzung. Ohne Kunst verliert eine Gesellschaft nicht nur Schönheit, sondern auch Tiefe, Reflexion und die Fähigkeit, über sich selbst hinauszuwachsen.
Kunst ist ein Menschenrecht!
Es ist überfällig, Kunst und Kultur nicht mehr als Nebensache zu behandeln. Kunst ist kein Luxus, sondern ein Grundpfeiler einer lebendigen, demokratischen und diversen Gesellschaft und essentieller Teil des Menschheit, seit es diese gibt. Sie darf nicht nur für diejenigen zugänglich sein, die es sich leisten können – sie muss ein Recht für alle bleiben.
Deshalb braucht es nicht nur politische Verantwortung und Förderung, sondern auch ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, was auf dem Spiel steht.



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